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Die Rede zur Eröffnung stammt von Marion Thielebein.
Der erste Teil der Rede bezieht sich auf eine Arbeit, die in der Galerie zu sehen war, die ich hier aber aus Platzgründen nicht zeigen kann. Dementsprechend habe ich diesen Teil der Rede weg gelassen.
Distanz und Nähe
(.....)
II. Ruf mich an!
Der Titel der Ausstellung kommt zunächst ähnlich alltäglich und „medial“ daher: „Ruf mich an“ eröffnet zwar grundsätzlich den Raum für einen Austausch, aber er baut auch Distanzen ein: Die zeitliche Distanz: Nicht jetzt, sondern irgendwann einmal... Die örtliche Distanz: Wer telefoniert, teilt meist nicht denselben Rum, sieht sich nicht. Schließlich gibt es auch noch die Distanz, die durch Medien und Apparate geschaffen wird: Anrufbeantworter und Mailboxen, Rückrufszenarien und Vertröstungen... Anrufversuche können zu einem derartigen Hindernislauf werden, dass man am Ende, wenn man sich schließlich erreicht hat, den ursprünglichen Grund des Anrufes vergessen hat.
Der Anruf ist aber stets auch ein „Sich-aufeinander-zu-bewegen“. Eine bestimmte Grenze muss überschritten werden. Der Anruf ist ein sich Öffnen für das, was vom anderen kommt. Dafür braucht es Raum und Zeit. Der Anruf, der sich der Nähe versichert. In diesem Sinn ruft das Kind die Mutter. Ein Anruf wird erst dann schwierig, wenn vermeintlich keine Nähe (mehr) da ist. Der Anruf ist auch Mythos: Christus am Kreuz ruft nach Gott.
Mit der Aufforderung „Ruf mich an“ sind prinzipiell die beiden Seiten eines Anrufes mitgedacht: der funktionale und der, der die Grenze überschreitet, eine Öffnung möglich macht und so Nähe herstellt. Juliane Laitzsch zeigt das in ihren Zeichnungen, die um die Mittelachse gespiegelt sind: beide Aspekte des Anrufes sind im „Ruf mich an“ mit bedacht. Wenn man so will, werden mit dem Satz die Pole „Magie und Wissenschaft überspannt: „Magie im Sinne einer mimetisch-leiblichen Nähe und „Wissenschaft“ im Sinne einer rationalen und funktionalen Hilfskonstruktion, die Distanzen mittels der Technik zwar funktional zu überbrücken vermag, sie aber damit in einem weiter gefassten Sinn erst schafft.
III. Aby Warburg und Walter Benjamin
Über solche dialektischen Bilder, Bilder, die zwei Seiten zueinander in Beziehung setzen, haben Aby Warburg und Walter Benjamin nachgedacht. Beiden geht es dabei nicht um eine Synthese, sondern um ein „Zwischen“, das es auszuhalten gilt. Der Künstler ist für Warburg ein „abtastender Künstler“, der „zwischen“ konkreten Zugriff und abstrakten Denken steht. Das Bilderschaffen spielt sich zwischen dem „realen Contact“ und dem „Vergleich“ ab, zwischen „wirklicher Besitzergreifung“ und Bezeichnung, zwischen echtem Anfassen ind bloßem begrifflichen Benennen. Beide Formen des Weltbezugs, schreibt Cornelia Zumbusch (1) sind bei Warburg in der Kunst zusammengeführt. „Künstler“, so Warburg, „schwanken im Stadium des Sehens“.
Auch für Benjamin ist das „Zwischen“ im räumlichen und zeitlichen
Sinn das Entscheidende, das eine Öffnung für Neues und damit
grundsätzlich Erfahrung ermöglicht. Die macht er an seinem
Beobachtungsmotiv der „Schwelle“ deutlich. Die Schwelle ist zunächst
ganz knkret als Türschwelle gemeint, aber im übertragenen
Sinn wird sie für ihn zur Zeitenschwelle, an der sich Veränderungen
ablesen lassen. Im Passagen-Werk, mit dem er die Zeit des 19.Jahrhunderts
zu fassen versucht, misst er dem Verschwinden von Schwellen eine wesentliche
Bedeutung bei: „ Wir sind sehr arm an Schwellenerfahrungen geworden“,
schreibt er. „ Das Einschlafen ist vielleicht die einzige, die uns geblieben
ist. (Aber auch das Erwachen.) Und schließlich wogt wie der Gestaltenwandel
des Traums über Schwellen auch das Auf und Nieder der Unterhaltung
und der Geschlechterwandel der Liebe. (...) Es sind nicht nur die Schwellen
dieser phantastischer Tore, es sind die Schwellen überhaupt, aus
denen Liebende, Freunde, sich Kräfte zu saugen pflegen. Die Huren
aber lieben die Schwellen dieser Traumtore. – Die Schwelle ist ganz
scharf von der Grenze zu scheiden. Schwelle ist eine Zone. Wandel, Übergang,
Fluten liegen im Wort „schwellen“.... (2)
Und weiter schreibt Benjamin im oben genannten Zusammenhang: „Rites
de passage“ so heißen in der Folklore die Zeremonien, die sich
an Tod, Geburt, an Hochzeit, Mannbarwerden etc. anschließen. In
dem modernen Leben sind diese Übergänge immer unkenntlicher
und unerlebter geworden.“
Die „Rites de passage“, die Riten des Schwellenübergangs, sind
die Zeremonien, die die „Schwellenangst“ nehmen, die einen Ritus für
den Übergang schaffen und diesen kulturell verankern. Die „Rites
de passage“ sind Zeremonien, mit denen der Übergang weltlich wird.
Neben dem flutenden Element und dem Ritus haftet der „Schwelle“ aber
auch der Gedanke an Festgefügtes an, was Benjamin gleichermaßen
betont: „Wandel, Übergang, Fluten liegen im Wort „schwellen“ und
diese Bedeutung hat die Etymologie nicht zu übersehen. Anderseits
ist notwendig, den unmittelbaren tektonischen zeremonialen Zusammenhang
festzustellen, der das Wort zu seiner Bedeutung gebracht.“ (4)
IV. Paravant I
Nach diesem Exkurs über die Betonung der „Schwelle“, Übergangssituationen sowie des „Zwischen“ bei Benjamin und Warburg komme ich zurück zu Juliane Laitzsch und der hier zentralen Arbeit Paravant I, in der Sie einen Übergang von der Grenze zur Schwelle oder eine langsame Öffnung der Wand mittels eines „Zwischen“ verwirklicht sehen können.
Paravant I ist ein 10 cm starkes Stück Linde, das eine Außen- und eine Innenseite hat. Beide stehen für sich und doch sind sie zugleich auch miteinander verwoben. Die dem Fenster zugeneigte Außenansicht ist relativ einfach: Eine klare, zentrale Struktur, die tragend ist. Ein Stamm von dem alles weitere ausgeht. Die Innenansicht scheint sich hierzu dagegen geradezu „parasitär“ zu verhalten. Sie wird von der Außensicht getragen. Hier fehlt eine eigene Struktur. Alles wirkt viel chaotischer und verwachsener.
In der Schnitzarbeit sind zwei Prinzipien verwirklicht, die sich begegnen und die ich nicht trennen lassen. Für diese Begegnung bedarf es im räumlichen Sinn der Leere und im zeitlichen Sinn der Muße. Die durchbrochene Wand ist zur Schwellenzone geworden. Insofern ist diese Arbeit, die die Spuren ihres Entstehens noch in sich trägt, aber auch eine verwirklichte extreme Verlangsamungsstrategie – und so auch in diesem zeitlichen Sinne eine „Schwelle“.
V. Im Zwischenraum von rechter und linker Hand
Mit diesen gemeinsamen „Schwellenerfahrungen“ fällt es nun nicht mehr schwer, sich den Zeichnungen zuzuwenden. Die hier ausgestellte Serie trägt den Titel: Im Zwischenraum von linker und rechter Hand und verlagert das „Zwischen“ in den Körper selbst. Es gibt die aktive, die geübte, die „erste“ Hand und die, die nur zur Hilfe hinzugezogen wird, wenn es nicht anders geht. Beide sind wichtig. Was passiert, wenn die passivere Hand Gleiches leisten soll, wie die aktive, nämlich die feinmotorische Übung des Zeichnens ausführen? Welche Nähe zu sich selbst wird so entwickelt? Mit den in manchen Zeichnungen integrierten Worten gibt Juliane Laitzsch – auch hier wiederum – räumliche und zeitliche Hinweise.
Heute – verstricken
Verstricken tun wir uns alle – jederzeit, bewusst oder unbewusst. Verstricken
heißt verflechten oder „mit Stricken umschnüren“. Die Schlinge,
als Hilfsinstrument, z.B. um Tiere zu fangen, ist in dem Wort beinhaltet,
aber auch die Fessel. Das Gestrickte kann wieder aufgeribbelt werden,
dann müssen neue Schlingen in anderer Weise gestrickt werden. Ein
immerwährendes Tun.
Gestern – verweben
- mit dem Wort weben ist sehr stark ein „Sich-hin-und-her-bewegen“ mitgedacht.
Weben hängt etymologisch mit „wimmeln“ und mit der „Bienenwabe“,
dem fertigen Geflecht und Gewebe, zusammen. Es ist grundsätzlich
das chaotischere Element, aus dem dann aber etwas „Schützendes“
hervorgehen kann.
Morgen – verknüpfen
- das Wort knüpfen beinhaltet die „zusammengeballte Masse“, wie
sie mit der Kugel angedacht ist. In Verbindung mit knüpfen stehen
Knopf, Knospe, Knauf und Knoten – um nur einige Worte zu nennen, die
mit den Anfangsbuchstaben „kn...“ beginnen. Sie alle haben etwas mit
dem Gedanken des Zusammendrückens, des Pressens und Zusammenballens
zu tun. Man denke etwa daran wie man Papiere knüllt oder auch ans
Knutschen.
So zeigen die Zeichnungen gleichfalls Begegnungen: Begegnungen mit der eigenen Geschichte und dem eigenen Tun und es ist ganz en passant gelungen, eine Nähe zu sich selbst und zum eigenen Tun herzustellen. Ich wünsche uns ein ausführliches Ansehen der Arbeiten – vor allem der Zeichnungen von Juliane Laitzsch -, damit sich darüber auch bei uns allen das Gefühl für „Schwellen“ und „Zwischenräume“ wieder schärft. Vielen Dank.

Juliane Laitzsch | Berlin | mail@ juliane-laitzsch • de








Text zur Arbeit