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Ruf mich an
Ruf mich an — Galerie Delta 35, Berlin, 2007
Paravant I - Aussensicht, Lindenholz 320x240 cm
Foto: Bernd Borchardt
Von mir zu dir...
Diese Ausstellung der Galerie Delta 35 wurde im April 2007 gezeigt.
www.galerie-delta35.de

Die Rede zur Eröffnung stammt von Marion Thielebein.

Der erste Teil der Rede bezieht sich auf eine Arbeit, die in der Galerie zu sehen war, die ich hier aber aus Platzgründen nicht zeigen kann. Dementsprechend habe ich diesen Teil der Rede weg gelassen.


Distanz und Nähe
(.....)

II. Ruf mich an!

Der Titel der Ausstellung kommt zunächst ähnlich alltäglich und „medial“ daher: „Ruf mich an“ eröffnet zwar grundsätzlich den Raum für einen Austausch, aber er baut auch Distanzen ein: Die zeitliche Distanz: Nicht jetzt, sondern irgendwann einmal... Die örtliche Distanz: Wer telefoniert, teilt meist nicht denselben Rum, sieht sich nicht. Schließlich gibt es auch noch die Distanz, die durch Medien und Apparate geschaffen wird: Anrufbeantworter und Mailboxen, Rückrufszenarien und Vertröstungen... Anrufversuche können zu einem derartigen Hindernislauf werden, dass man am Ende, wenn man sich schließlich erreicht hat, den ursprünglichen Grund des Anrufes vergessen hat.

Der Anruf ist aber stets auch ein „Sich-aufeinander-zu-bewegen“. Eine bestimmte Grenze muss überschritten werden. Der Anruf ist ein sich Öffnen für das, was vom anderen kommt. Dafür braucht es Raum und Zeit. Der Anruf, der sich der Nähe versichert. In diesem Sinn ruft das Kind die Mutter. Ein Anruf wird erst dann schwierig, wenn vermeintlich keine Nähe (mehr) da ist. Der Anruf ist auch Mythos: Christus am Kreuz ruft nach Gott.

Mit der Aufforderung „Ruf mich an“ sind prinzipiell die beiden Seiten eines Anrufes mitgedacht: der funktionale und der, der die Grenze überschreitet, eine Öffnung möglich macht und so Nähe herstellt. Juliane Laitzsch zeigt das in ihren Zeichnungen, die um die Mittelachse gespiegelt sind: beide Aspekte des Anrufes sind im „Ruf mich an“ mit bedacht. Wenn man so will, werden mit dem Satz die Pole „Magie und Wissenschaft überspannt: „Magie im Sinne einer mimetisch-leiblichen Nähe und „Wissenschaft“ im Sinne einer rationalen und funktionalen Hilfskonstruktion, die Distanzen mittels der Technik zwar funktional zu überbrücken vermag, sie aber damit in einem weiter gefassten Sinn erst schafft.

III. Aby Warburg und Walter Benjamin

Über solche dialektischen Bilder, Bilder, die zwei Seiten zueinander in Beziehung setzen, haben Aby Warburg und Walter Benjamin nachgedacht. Beiden geht es dabei nicht um eine Synthese, sondern um ein „Zwischen“, das es auszuhalten gilt. Der Künstler ist für Warburg ein „abtastender Künstler“, der „zwischen“ konkreten Zugriff und abstrakten Denken steht. Das Bilderschaffen spielt sich zwischen dem „realen Contact“ und dem „Vergleich“ ab, zwischen „wirklicher Besitzergreifung“ und Bezeichnung, zwischen echtem Anfassen ind bloßem begrifflichen Benennen. Beide Formen des Weltbezugs, schreibt Cornelia Zumbusch (1) sind bei Warburg in der Kunst zusammengeführt. „Künstler“, so Warburg, „schwanken im Stadium des Sehens“.

Auch für Benjamin ist das „Zwischen“ im räumlichen und zeitlichen Sinn das Entscheidende, das eine Öffnung für Neues und damit grundsätzlich Erfahrung ermöglicht. Die macht er an seinem Beobachtungsmotiv der „Schwelle“ deutlich. Die Schwelle ist zunächst ganz knkret als Türschwelle gemeint, aber im übertragenen Sinn wird sie für ihn zur Zeitenschwelle, an der sich Veränderungen ablesen lassen. Im Passagen-Werk, mit dem er die Zeit des 19.Jahrhunderts zu fassen versucht, misst er dem Verschwinden von Schwellen eine wesentliche Bedeutung bei: „ Wir sind sehr arm an Schwellenerfahrungen geworden“, schreibt er. „ Das Einschlafen ist vielleicht die einzige, die uns geblieben ist. (Aber auch das Erwachen.) Und schließlich wogt wie der Gestaltenwandel des Traums über Schwellen auch das Auf und Nieder der Unterhaltung und der Geschlechterwandel der Liebe. (...) Es sind nicht nur die Schwellen dieser phantastischer Tore, es sind die Schwellen überhaupt, aus denen Liebende, Freunde, sich Kräfte zu saugen pflegen. Die Huren aber lieben die Schwellen dieser Traumtore. – Die Schwelle ist ganz scharf von der Grenze zu scheiden. Schwelle ist eine Zone. Wandel, Übergang, Fluten liegen im Wort „schwellen“.... (2)
Und weiter schreibt Benjamin im oben genannten Zusammenhang: „Rites de passage“ so heißen in der Folklore die Zeremonien, die sich an Tod, Geburt, an Hochzeit, Mannbarwerden etc. anschließen. In dem modernen Leben sind diese Übergänge immer unkenntlicher und unerlebter geworden.“
Die „Rites de passage“, die Riten des Schwellenübergangs, sind die Zeremonien, die die „Schwellenangst“ nehmen, die einen Ritus für den Übergang schaffen und diesen kulturell verankern. Die „Rites de passage“ sind Zeremonien, mit denen der Übergang weltlich wird. Neben dem flutenden Element und dem Ritus haftet der „Schwelle“ aber auch der Gedanke an Festgefügtes an, was Benjamin gleichermaßen betont: „Wandel, Übergang, Fluten liegen im Wort „schwellen“ und diese Bedeutung hat die Etymologie nicht zu übersehen. Anderseits ist notwendig, den unmittelbaren tektonischen zeremonialen Zusammenhang festzustellen, der das Wort zu seiner Bedeutung gebracht.“ (4)

IV. Paravant I

Nach diesem Exkurs über die Betonung der „Schwelle“, Übergangssituationen sowie des „Zwischen“ bei Benjamin und Warburg komme ich zurück zu Juliane Laitzsch und der hier zentralen Arbeit Paravant I, in der Sie einen Übergang von der Grenze zur Schwelle oder eine langsame Öffnung der Wand mittels eines „Zwischen“ verwirklicht sehen können.

Paravant I ist ein 10 cm starkes Stück Linde, das eine Außen- und eine Innenseite hat. Beide stehen für sich und doch sind sie zugleich auch miteinander verwoben. Die dem Fenster zugeneigte Außenansicht ist relativ einfach: Eine klare, zentrale Struktur, die tragend ist. Ein Stamm von dem alles weitere ausgeht. Die Innenansicht scheint sich hierzu dagegen geradezu „parasitär“ zu verhalten. Sie wird von der Außensicht getragen. Hier fehlt eine eigene Struktur. Alles wirkt viel chaotischer und verwachsener.

In der Schnitzarbeit sind zwei Prinzipien verwirklicht, die sich begegnen und die ich nicht trennen lassen. Für diese Begegnung bedarf es im räumlichen Sinn der Leere und im zeitlichen Sinn der Muße. Die durchbrochene Wand ist zur Schwellenzone geworden. Insofern ist diese Arbeit, die die Spuren ihres Entstehens noch in sich trägt, aber auch eine verwirklichte extreme Verlangsamungsstrategie – und so auch in diesem zeitlichen Sinne eine „Schwelle“.

V. Im Zwischenraum von rechter und linker Hand

Mit diesen gemeinsamen „Schwellenerfahrungen“ fällt es nun nicht mehr schwer, sich den Zeichnungen zuzuwenden. Die hier ausgestellte Serie trägt den Titel: Im Zwischenraum von linker und rechter Hand und verlagert das „Zwischen“ in den Körper selbst. Es gibt die aktive, die geübte, die „erste“ Hand und die, die nur zur Hilfe hinzugezogen wird, wenn es nicht anders geht. Beide sind wichtig. Was passiert, wenn die passivere Hand Gleiches leisten soll, wie die aktive, nämlich die feinmotorische Übung des Zeichnens ausführen? Welche Nähe zu sich selbst wird so entwickelt? Mit den in manchen Zeichnungen integrierten Worten gibt Juliane Laitzsch – auch hier wiederum – räumliche und zeitliche Hinweise.

Heute – verstricken
Verstricken tun wir uns alle – jederzeit, bewusst oder unbewusst. Verstricken heißt verflechten oder „mit Stricken umschnüren“. Die Schlinge, als Hilfsinstrument, z.B. um Tiere zu fangen, ist in dem Wort beinhaltet, aber auch die Fessel. Das Gestrickte kann wieder aufgeribbelt werden, dann müssen neue Schlingen in anderer Weise gestrickt werden. Ein immerwährendes Tun.


Gestern – verweben
- mit dem Wort weben ist sehr stark ein „Sich-hin-und-her-bewegen“ mitgedacht. Weben hängt etymologisch mit „wimmeln“ und mit der „Bienenwabe“, dem fertigen Geflecht und Gewebe, zusammen. Es ist grundsätzlich das chaotischere Element, aus dem dann aber etwas „Schützendes“ hervorgehen kann.

Morgen – verknüpfen
- das Wort knüpfen beinhaltet die „zusammengeballte Masse“, wie sie mit der Kugel angedacht ist. In Verbindung mit knüpfen stehen Knopf, Knospe, Knauf und Knoten – um nur einige Worte zu nennen, die mit den Anfangsbuchstaben „kn...“ beginnen. Sie alle haben etwas mit dem Gedanken des Zusammendrückens, des Pressens und Zusammenballens zu tun. Man denke etwa daran wie man Papiere knüllt oder auch ans Knutschen.

So zeigen die Zeichnungen gleichfalls Begegnungen: Begegnungen mit der eigenen Geschichte und dem eigenen Tun und es ist ganz en passant gelungen, eine Nähe zu sich selbst und zum eigenen Tun herzustellen. Ich wünsche uns ein ausführliches Ansehen der Arbeiten – vor allem der Zeichnungen von Juliane Laitzsch -, damit sich darüber auch bei uns allen das Gefühl für „Schwellen“ und „Zwischenräume“ wieder schärft. Vielen Dank.