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Küsteningenieurswesen
Küsteningenieurswesen - Pförtnerhaus, Stade 2006
Bleistift, Tusche auf Papier, 65x50 cm
Deichbestickung
„Küsteningenieurswesen im Wandel der Zeit“ fasst zwei Zeichenserien zusammen, die im Sommer 2006 währen eines Stipendienaufenthalts in Stade (Stader Uul) entstanden sind.

www.kulturstiftung-stade.de

Mein besonderer Dank gilt Herrn Dieter Kunze für die freundliche Aufnahme und sein beispielhaftes kreatives Engagement (für die Stiftung und Stadt) sowie Dirk Behrens für seine hervorragende Betreuung und Freundschaft.

Küsteningenieurwesen im Wandel der Zeit – eine Tagung in Stade im Jahre 1986

Geschichte des Deichbaues im Nordseeküstengebiet
Ein Vortrag von Johann Kramer

Die natürlich fruchtbaren Küstenmarschen entlang der Nordseeküste sind vor über 2000 Jahren besiedelt worden. Die ältesten archäologischen Funde, die bei Grabungen in Wurten gefunden wurden, datieren im 4. Jahrhundert vor Christus. Diese Wurten oder Warften waren die Wohnstätten der Küstenbewohner, bis der steigende Meeresspiegel sie zwang, ihre Siedlungen in der flachen Marsch aufzugeben. Der Römer Plinius beschreibt deshalb im Jahre 19 n. Chr. Die Marschen als amphibische Landschaft, die bei Sturmfluten überspült werden, während die Bewohner ihr kümmerliches Dasein auf den Erdenhügel fristen. Mit zunehmender Bevölkerung vergrößerten sich die Wurten zu Langwurten oder Rundwurten mit dörflichen Siedlungen, die noch heute vielerorts in der Marsch erkennbar sind. Im 8. Jahrhundert begannen dann die ersten Deichbauten, welche einzelne Siedlungen umschlossen oder auch Gebiete beschützten, die sich an die höhere Geest anlehnten. Von einer geschlossenen Deichlinie entlang der Nordseeküste kann aber im 11. Jahrhundert gesprochen werden. Ihre Errichtung und Unterhaltung sowie vor allem ihre Instandsetzung und Neuanlage nach Sturmfluten erforderte eine Gemeinschaftsleistung, die sehr bald zur Organisation des Deichschutzes in Verbänden, den Deichachten, führte, in deren durch Überflutung bedrohten Gebiet die Bewohner die Deichlast zu tragen hatten. An ihrer Spitze standen Deichgrafen und Deichrichter, denen aufgrund ihrer Verantwortung für die Deichsicherheit eine erhebliche Exekutivgewalt zugesprochen wurde. War ein Grundeigentümer z.B. nicht mehr in der Lage, seinen Deichpflichten zu genügen, so konnte er den Spaten in sein Deichpfand stecken, womit ihm die Deichlast genommen wurde, er aber gleichzeitig sein Eigentum aufgeben und es demjenigen überlassen musste, der den Spaten zog. Die anfänglichen Deiche waren sehr niedrig mit steilen Böschungen, die mit den ansteigenden Sturmflutwasserständen immer wieder zerstört wurden. Es kam zu den historisch belegten außerordentlich katastrophalen Überflutungen mit großen Verlusten an Menschen, Vieh und sonstigen Gut. Große Flächen der Küstenmarschen gingen verloren, wobei tiefe Buchten in das Land einbrachen, wie z.B. Dollart und der Jadebusen an der Niedersächsischen Küste, sowie die Meldorfer Bucht und die Zerreißung großer Marschflächen an der Westküste Schleswig-Holsteins. Eine der letzten schweren Sturmflutkatastrophen brachte die Weihnachtsflut 1717, von der die gesamte Nordseeküste betroffen wurde und der zehntausende von Menschen zum Opfer fielen. In den Chroniken über frühere katastrophale Sturmfluten, so genannten Manndränken, wird sogar von über 100.000 Menschenverlusten berichtet. Jedoch brachte das 16. Jahrhundert den Wandel vom Landverlust zum Landgewinn. Auch wenn in den folgenden Jahrhunderten immer noch Deichstrecken zerstört wurden und Einbrüche hinzunehmen waren, so blieb doch insgesamt ein Landgewinn bis zur Gegenwart von rund 250.000 ha, die dem Meer wieder entrissen werden konnten. Der Deichbau war lange Jahrhunderte eine bäuerliche Angelegenheit, um den fruchtbaren Marschboden zu schützen und neuen zu gewinnen. Erst im 17. Und 18. Jahrhundert trat der Deichbauingenieur mit technischen Überlegungen auf. Flachgeneigte Deichböschungen, die den Wellenangriff auf eine große Fläche verteilten, wurden als vorteilhaft erkannt. Aus den reinen Erdwällen entstanden Kajedeiche mit Holzungen, aber auch mit Steinwerken an besonders bedrohten Abschnitten, um als Flußsicherung oder Buhnen den Wellenangriff und gefährliche Strömungen vom Deich abzuhalten. Aufwendig war auch die jährliche Bestickung an so genannten Strohdeichen, d.h. die Befestigung des Deichfußes mit Langstroh, das für jeweils ein Jahr den Boden festhielt. Die Deicharbeiten wurden vor allem von Kolonnen ausgeführt, die so genannte Annehmer heranbrachten und in denen sich Arbeiter aus den damals armen Geest- und Moorgebieten verdingten. Die aufgrund der natürlichen Fruchtbarkeit der Marsch wohlhabenden Marschbauern konnten die dafür erforderlichen Mittel aufbringen. Die Ursache für die immer erneuten Sturmflutkatastrophen war der Anstieg des Meeresspiegels im Verhältnis zur Landoberfläche, die sich seit dem 16. Jahrhundert anhand von Markierungen der Sturmflutwasserstände an Gebäuden und Ähnlichem nachweisen lässt. Der säkulare Bereich ist für die letzten Jahrhunderte etwa 25 cm, der sich aufgrund genauer Beobachtungen seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts belegen lässt. Erst in jüngster Zeit wird ein stärkerer Anstieg des Meeresspiegels beobachtet. Bis ins 20. Jahrhundert hinein bestimmte allein die Menschliche Arbeitsleistung mit Einsatz von Zugtieren vor Erdkarren die Deichbauleistung. Eine Steigerung brachte dann der Einsatz von durch Dampflokomotiven gezogene Lorenzüge auf Gleisen. Später kamen die ersten Greifbagger. Mit der Umstellung von Dampf- auf Dieselmotorenantrieb steigerten sich die Leistungen weiter. Der große technische Umbruch setzte dann in den 50ger Jahren ein. Gleise und Loren verschwanden von den Deichbaustellen. An ihre Stelle traten gummibereifte Transportfahrzeuge, die von Baggern gefüllt werden und nach deren Entladung Planierraupen, die Bodenverteilung übernehmen. Soweit Deiche mit Sandkern hergestellt wurden, wie es heute fast zur Regel geworden ist, übernehmen schwimmende Baggergeräte die hydraulische Bodenentnahme und -förderung bis zur Einbaustelle (...) Der Anstieg des Meeresspiegels, die so genannte Küstensenkung, wurde erst in diesem Jahrhundert erkannt und erst seit den 20er Jahren bei der Deichhöhe berücksichtigt. Für die Deichbemessung werden heute verschiedene Verfahren angewandt; wichtig ist dabei die Höhe des Wellenauflaufs, der je nach Lage des Deiches zur Hauptwindrichtung bis zu 3,0m und mehr betragen kann. An die Stelle kleiner, niedriger Erdwälle mit steilen Böschungen und schmaler Basis sind heute an der deutschen Nordseeküste Deiche getreten, die eine Basis von 80-100m und auch darüber haben. Die Außenböschung ist flach gestaltet und nicht steiler als 1:6, so dass die Wellen unschädlich auflaufen können, wenn sie auf eine feste geschlossene Grasnarbe treffen. Die Innenböschung ist nicht steiler als 1:3, denn dann ist ein Überlaufen einzelner Wellen, was für die Zukunft nicht ausgeschlossen werden kann, ohne Bodenerosion möglich, wie die Erfahrungen erwiesen haben. Die Sicherheit der Deichquerschnitte hat zugenommen, wie eine Gegenüberstellung von Deichquerschnitten in der Deichacht Norden von etwa 1800 bis zur Gegenwart beweist. Mit dem Neubau fast aller Siele und Schleusen in den Deichen und ihrer Anpassung an die heutige Bemessungshöhe ist ebenfalls ein höherer Sicherheitsgrad erreicht, denn diese Bauwerke haben sich in der Vergangenheit bei Sturmfluten oft als besonders gefährlich für den Bestand von Deichen erwiesen. Hinzu kommt, dass die Deichlinien in der Gegenwart durch Sperrwerke in den Flüssen wie der Eider sowie den Nebenflüssen der Elbe, Weser und Ems sich verkürzt haben, so dass anstelle von 1962 rund 1200km Deichen von der dänischen bis zur holländischen Grenze nur noch rund 700km vorhanden und gegen die Sturmfluten zu verteidigen sind. Für die Deichsicherung gilt nach wie vor die Erfahrung der Vergangenheit, dass die Deiche ständig in einem wehrhaften Zustand zu erhalten und die Entwicklung der Sturmflutwasserstände mit dem Anstieg des Meeresspiegels zu beobachten sind, um in der Zukunft Sturmflutkatastrophen auszuschließen.