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Handlungsmuster
Intime Expeditionen – Badischer Kunstverein
Karlsruhe, Haus am Waldsee, Berlin, 2001
Lindenholzschale Ø160cm + Auto
Foto: Helene Laitzsch
Im Atelier lehne ich die Schale einfach an die Wand.
Vom Raum zur Handlung

Zum Werkansatz von Juliane Laitzsch
Von Marion Thielebein

Kann man mit dem Raum tanzen? Ja, ganz richtig: nicht in einem Raum, was selbstverständlich zu bejahen wäre, sondern mit dem Raum? Wer so fragt, vertritt eine Haltung, die den Raum als „Dialogpartner” und nicht als bloßen „Behälter” versteht. Im zeitgenössischen Tanz gibt es Choreographien, die mit dem Körper und seinen Handlungen versuchen, die räumliche Situation als Teil des Tanzes wahrnehmbar werden zu lassen. So geht die poetische Aufmerksamkeit auf den Raum selbst über. Auch in der Bildenden Kunst kann der Raum in dieser Weise thematisiert werden. „Wie fängt etwas an und wo hört etwas auf ”, fragt sich Juliane Laitzsch und schärft in ihren installativen Arbeiten die Aufmerksamkeit für Umgebungen und Nachbarschaften. Bezüge werden mit ornamentalen Mustern hergestellt, so dass sich Spuren bilden - ähnlich wie die Schritte der Tänzer Spuren sind – und übergänge und Schwellensituationen betont werden. Sie sind es, die Dichte, Intensität und Unverwechselbarkeit erst entstehen lassen.

„Einem Objekt poetischen Raum schenken, heißt ihm mehr Raum schenken, als er objektiv besitzen kann, oder besser gesagt, heißt der Ausweitung seines inneren Raums folgen” Das gilt auch und gerade für den Raum selbst; sobald dieser zu einem Wert wird, betont Gaston Bachelard (1), wird er selbst größer. Was das heißt, wird deutlich, vergegenwärtigt man sich, wie stark unser Alltagsleben von gesichtslosen, funktionalen und häufig auch abweisenden Räumen beherrscht wird, denen wir in der Regel kaum Aufmerksamkeit schenken. Es gilt heute in noch stärkerem Maß, was Siegfried Kracauer (2) bereits 1929 zum Verhältnis von Räumen und den sich durch sie ausgedrückten gesellschaftlichen Verhältnissen beobachtet hat: „Jeder typische Raum wird durch typische gesellschaftliche Verhältnisse zustande gebracht, die sich ohne die störende Dazwischenkunft des Bewusstseins in ihm ausdrücken. Alles vom Bewusstsein Verleugnete, alles, was sonst geflissentlich übersehen wird, ist an seinem Aufbau beteiligt. Die Raumbilder sind die Träume der Gesellschaft. Wo immer die Hieroglyphe irgendeines Raumbildes entziffert ist, dort bietet sich der Grund der sozialen Wirklichkeit dar.” Diese überlegungen sind für Juliane Laitzsch leitend: Für den Kunstraum in Hüll (3) nähert sie sich dem Dorf Hüll (Landkreis Stade) mit der Frage: „Was gefällt Ihnen an Hüll am besten?” und bekommt zur Antwort: „die Dorfgemeinschaft” und „die Natur”. Nun erforschen ornamentale Zeichnungen die historischen und soziologisch gewachsenen Strukturen der Dorfgemeinschaft und die übergänge zwischen Kultur und Natur.

Es entsteht eine individuelle, nur hier und so gewachsene Struktur, die so bewusst wird. Wie wichtig eine solche Aufmerksamkeit auf solcherart „Raummuster” ist, zeigen unsere standardisierten Funktionen, durch die wir uns in der Regel eher in einer Containerwelt bewegen. „Der Container”, schreibt Hannes Böhringer (4), „ist ein Behälter für alles Mögliche. Was er enthält, entlädt er. Wenn er leer ist, wird er wieder mit etwas anderem beladen. Die Form des Containers richtet sich deshalb nicht mehr nach seinem Inhalt – es kann eben alles Mögliche sein-, sondern nach Standartmaßen, sie machen ihn stapelbar und kompatibel für verschiedene Transportmittel. Das äußere, das Fahrzeug, das ihn transportiert, und der Ort, wo er abgestellt wird, ist ihm so gleichgültig wie sein Inhalt. (...) Der Container ist ein Provisorium. Vorläufig und vorübergehend enthält er etwas, vorläufig und vorübergehend ist er irgendwo hingestellt, immer fertig zum Abtransport und scheinbar bereit, von etwas Endgültigem abgelöst zu werden. Doch das Provisorium zieht sich hin. Und wo immer er abgestellt wird, wirkt er wie ein Magnet der Gleichgültigkeit. Er färbt auf Ladung und Umgebung ab.” Versucht man mit Hannes Böhringer die Hieroglyphe des Containers zu entziffern, erhält man eine nihilistische gesellschaftliche Wirklichkeit. „Container heißt Mengen Behälter und die Inhalte unentwegt umladen, verteilen, zirkulieren lassen, damit der Mist und die Leere erträglich bleiben.”

Mit den Gewebemustern und Verstrickungen, über die Juliane Laitzsch zu ihren Raummustermodellen findet, macht sie Räume individuell und bringt uns ihr besonderes, Nicht-Austauschbares, ihr Leben nahe. Zwar handelt es sich auch bei den ornamentalen Mustern um eine Form der Aneignung, aber eine solche, die offen bleibt und die sich dem Beherrschen und Funktionieren entzieht. Die Arbeiten machen neugierig und verzaubern uns gleichermaßen; sie bringen uns nicht nur dazu, Dingen Aufmerksamkeit zu schenken, sondern ziehen uns mit ihren Banden zugleich auch in die Tiefen der eigenen Phantasie: „Man zeigte im alten Griechenland Stellen, an denen es in die Unterwelt hinabging,” heißt es bei Walter Benjamin: „Auch unser waches Dasein ist ein Land, an denen es an verborgenen Stellen in die Unterwelt hinabgeht, voll unscheinbarer Örter, wo die Träume münden.” (5) Vielleicht bilden auch solche ornamentalen Raum-Verwebungen, wenn wir ihnen nachgehen, übergänge in das Reich der Träume und die eigenen Tiefen.





(1) Gaston Bachelard: Poetik des Raums. Frankfurt/M., Berlin, Wien, 1975,232.
(2) Siegfried Krakauer: „über Arbeitsnachweise. Konstruktionen eines Raumes”, in: Ders., Schriften, Bd. 5: Aufsätze 1927-1931 (hrsg. V. Inka Mülder-Bach), Frankfurt/M. 1990, 185ff.
(3) Juliane Laitzsch: Gewebemuster. Ausstellungskatalog Kunstraum Hüll 21.01.-06.02.2005.
(4) Hannes Böhringer: Orgel und Container. Berlin: Merve, 1993, 11 und 19.
(5) Walter Benjamin: Gesammelte Schriften. Hrsg. V. Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1985, Bd. V/2, 1046.