dahinter UND davor
8. April 2005, Galerie Herold
Text: Barbara Claassen-Schmal
Tagsüber mit dem Boot auf der Ostsee segeln. Nachts in der Bilge liegen und in den Sternenhimmel schauen. Dieses schwärmerische Sehnsuchts-Bild vom Segeln ist mir in Erinnerung geblieben, seit ich vor drei Jahren Juliane Laitzsch in ihrem neuen Atelier in Berlin kennen lernte. Damals hatte sie die große DNA-Struktur in Arbeit. Die Stränge des geflochtenen Zopfs, steckten noch halb in dem Stamm einer Linde. Es war beeindruckend, wie die Bildhauerin das Volumen der skulpturalen Form aus dem massiven Baum herauslöste.
Beim Gang durch das Atelier war ich überrascht von dem Segelboot, ein Waarschip, das ebenfalls im Raum stand. Ich habe noch nie gesehen, dass jemand so direkt mit seinem Boot lebt.
Mit einem Schiff ist man eigentlich immer reisefertig. Das Boot ist quasi eine Behausung im Haus. Es gibt eine Anzahl von Analogien zwischen Haus und Schiff: „Die seefahrenden Briten z.B. haben den Bungalow kurz und knapp upturned boat genannt. Man landet, hebt das Schiff aus dem Wasser, dreht es um und benutzt es als Dach.”
Juliane Laitzsch hingegen, muss man sich, - wie schon erwähnt -, nachts in der Bilge liegend vorstellen. Dort wartet sie auf die Meeresstille. Zitat aus „Harte Bank” von Hannes Böhringer: „Von den Winden wird das Meer aufgerührt. Wenn es aber keiner bewegt, ist es das Gerechteste, das Ausgeglichenste. Der Erfahrungsgrund für das schwer zu treffende Maß der Erkenntnis ist die Meeresstille. Erst wenn man diese Stille spürt ist man reisefertig. Reisen ohne diese Vorbereitung ist nichts als ein hin- und herfahren, ein Aufschaukeln innerer Rastlosigkeit, das jedes Schaukeln auf der glatten See verhindert.” (Zitat ende)
Wenn man also das Land nicht mehr sieht, umgeben von Wellen, die aus dem Zusammenspiel von Wasser und Luft ihre Gestalt bilden, um sie sofort wieder zu verlieren, entsteht ein einzigartiger Raum, der sich der Definition entzieht. Auch alle weiteren Räume, die Wohnung, das Atelier, der Ausstellungsraum sind angefüllt mit übergängen und Grenzbereichen, die Juliane Laitzsch erforscht und ästhetisch definiert.
Ihre Arbeit als Künstlerin, egal ob sie zeichnet oder bildhauert, gleicht der eines Landvermessers. Auch Sterne zu betrachten ist letztendlich der Versuch, die Ewigkeit zu vermessen. „Raummustermodelle” nennt sie ihre Werke. Raummustermodelle sind Landmarken, die den Betrachter in die Lage versetzen, sich zu orientieren und in der Welt zurecht zu finden.
An den grafischen Mustern ihrer Zeichnungen, interessiert sie nicht die symbolische Bedeutung, auch nicht die Formenvielfalt, sondern die Funktion, die sie erfüllen. Diese Funktion definiert sie als Grenzbereich des übergangs, - zwischen verschiedenen Räumen, - als Statusveränderung, - oder des übergangs von Geschwindigkeit und Stillstand, - letztendlich von Leben und Tod. Die Grenzerforschung ist für die Künstlerin nicht nur eine ästhetische Strategie, sondern eigentlich eine Lebenshaltung. Hier in der Ausstellung hat sie registriert, dass sie nicht nur in einer Galerie zu Gast ist, sondern in einem Künstlerhaus – wenn sie die rote Linie in den Ausstellungsraum verlängert, so dass eine Verbindung entsteht über den Flur bis zu Nico Boddes Atelier. Raum beherrschend, ist die große Lindenholzform, die hier an der Wand hängt und mit dem Oberlicht korrespondiert. Ihre aneinander gedockten Kreisstrukturen erscheinen erneut in den kleinformatigen Blättern, die sich zu einem topografischen Tableau addieren.
Türen sind typische Grenzbereiche, Metaphern des übergangs, die Juliane Laitzsch auch schon in anderen Ausstellungen Anlass für Interventionen geboten haben. Sie werden hier durch das Element der Verdoppelung markiert. Dadurch, dass sich das florale Ornament auf beiden Seiten der Wand befindet, bleibt die Installation nicht auf der Oberfläche beschränkt, bleibt nicht nur ein Zitat, sondern durchdringt die Wand und ist von beiden Seiten präsent.
Die großen Holzskulpturen sind Langzeitprojekte, darin unterscheiden sie sich von den Zeichnungen. Ihre Entstehung dauert 2-3 Jahre und auch die Vorbereitung nimmt viel mehr Zeit in Anspruch. Die Holzskulpturen sind ähnlich wie das Boot, lebensbegleitend. Die Zeichnungen sind sinnliche bis abstrakte Dialogfelder, die immer einsetzbar, allerorts, als Raummustermodelle, Grenzbereiche definieren.
Juliane Laitzsch ist eine stets reisefertige Landvermesserin. Nur manchmal nimmt sie eine Auszeit, wenn das Waarschip zu Wasser gelassen wird.
Text: Barbara Claassen-Schmal
Tagsüber mit dem Boot auf der Ostsee segeln. Nachts in der Bilge liegen und in den Sternenhimmel schauen. Dieses schwärmerische Sehnsuchts-Bild vom Segeln ist mir in Erinnerung geblieben, seit ich vor drei Jahren Juliane Laitzsch in ihrem neuen Atelier in Berlin kennen lernte. Damals hatte sie die große DNA-Struktur in Arbeit. Die Stränge des geflochtenen Zopfs, steckten noch halb in dem Stamm einer Linde. Es war beeindruckend, wie die Bildhauerin das Volumen der skulpturalen Form aus dem massiven Baum herauslöste.
Beim Gang durch das Atelier war ich überrascht von dem Segelboot, ein Waarschip, das ebenfalls im Raum stand. Ich habe noch nie gesehen, dass jemand so direkt mit seinem Boot lebt.
Mit einem Schiff ist man eigentlich immer reisefertig. Das Boot ist quasi eine Behausung im Haus. Es gibt eine Anzahl von Analogien zwischen Haus und Schiff: „Die seefahrenden Briten z.B. haben den Bungalow kurz und knapp upturned boat genannt. Man landet, hebt das Schiff aus dem Wasser, dreht es um und benutzt es als Dach.”
Juliane Laitzsch hingegen, muss man sich, - wie schon erwähnt -, nachts in der Bilge liegend vorstellen. Dort wartet sie auf die Meeresstille. Zitat aus „Harte Bank” von Hannes Böhringer: „Von den Winden wird das Meer aufgerührt. Wenn es aber keiner bewegt, ist es das Gerechteste, das Ausgeglichenste. Der Erfahrungsgrund für das schwer zu treffende Maß der Erkenntnis ist die Meeresstille. Erst wenn man diese Stille spürt ist man reisefertig. Reisen ohne diese Vorbereitung ist nichts als ein hin- und herfahren, ein Aufschaukeln innerer Rastlosigkeit, das jedes Schaukeln auf der glatten See verhindert.” (Zitat ende)
Wenn man also das Land nicht mehr sieht, umgeben von Wellen, die aus dem Zusammenspiel von Wasser und Luft ihre Gestalt bilden, um sie sofort wieder zu verlieren, entsteht ein einzigartiger Raum, der sich der Definition entzieht. Auch alle weiteren Räume, die Wohnung, das Atelier, der Ausstellungsraum sind angefüllt mit übergängen und Grenzbereichen, die Juliane Laitzsch erforscht und ästhetisch definiert.
Ihre Arbeit als Künstlerin, egal ob sie zeichnet oder bildhauert, gleicht der eines Landvermessers. Auch Sterne zu betrachten ist letztendlich der Versuch, die Ewigkeit zu vermessen. „Raummustermodelle” nennt sie ihre Werke. Raummustermodelle sind Landmarken, die den Betrachter in die Lage versetzen, sich zu orientieren und in der Welt zurecht zu finden.
An den grafischen Mustern ihrer Zeichnungen, interessiert sie nicht die symbolische Bedeutung, auch nicht die Formenvielfalt, sondern die Funktion, die sie erfüllen. Diese Funktion definiert sie als Grenzbereich des übergangs, - zwischen verschiedenen Räumen, - als Statusveränderung, - oder des übergangs von Geschwindigkeit und Stillstand, - letztendlich von Leben und Tod. Die Grenzerforschung ist für die Künstlerin nicht nur eine ästhetische Strategie, sondern eigentlich eine Lebenshaltung. Hier in der Ausstellung hat sie registriert, dass sie nicht nur in einer Galerie zu Gast ist, sondern in einem Künstlerhaus – wenn sie die rote Linie in den Ausstellungsraum verlängert, so dass eine Verbindung entsteht über den Flur bis zu Nico Boddes Atelier. Raum beherrschend, ist die große Lindenholzform, die hier an der Wand hängt und mit dem Oberlicht korrespondiert. Ihre aneinander gedockten Kreisstrukturen erscheinen erneut in den kleinformatigen Blättern, die sich zu einem topografischen Tableau addieren.
Türen sind typische Grenzbereiche, Metaphern des übergangs, die Juliane Laitzsch auch schon in anderen Ausstellungen Anlass für Interventionen geboten haben. Sie werden hier durch das Element der Verdoppelung markiert. Dadurch, dass sich das florale Ornament auf beiden Seiten der Wand befindet, bleibt die Installation nicht auf der Oberfläche beschränkt, bleibt nicht nur ein Zitat, sondern durchdringt die Wand und ist von beiden Seiten präsent.
Die großen Holzskulpturen sind Langzeitprojekte, darin unterscheiden sie sich von den Zeichnungen. Ihre Entstehung dauert 2-3 Jahre und auch die Vorbereitung nimmt viel mehr Zeit in Anspruch. Die Holzskulpturen sind ähnlich wie das Boot, lebensbegleitend. Die Zeichnungen sind sinnliche bis abstrakte Dialogfelder, die immer einsetzbar, allerorts, als Raummustermodelle, Grenzbereiche definieren.
Juliane Laitzsch ist eine stets reisefertige Landvermesserin. Nur manchmal nimmt sie eine Auszeit, wenn das Waarschip zu Wasser gelassen wird.

Juliane Laitzsch | Berlin | mail@ juliane-laitzsch • de









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